Zeit für ein Zwischenfazit, bevor es weitergeht mit den Stationsberichten.
55 Tage. Ich mag schöne Zahlen und meine Zeit hier lässt sich in schöne Zahlen einteilen. 222 Tage vom Abflug von Amsterdam nach Kanada am 16.5. bis zur Landung in Amsterdam und Rückkehr nach Hause am 23.12.2017. Halbzeit nach 111 Tagen am 3.9., einen Tag bevor die Bibelschule startet. Ok, streng genommen ist Halbzeit vom Wwoofing bei 54 Tagen und 55 nicht ganz ein Viertel von 222. Aber die 0,25 Tage sind etwas schwer greifbar und wahrscheinlich interessiert euch diese Rechnerei sowieso recht wenig. Ich teile es mir einfach in schöne (Schnaps-)Zahlen ein. 55, 111, 166 und 222 (= 9.7., 3.9., 28.10., 23.12.). Zwischengedanke: Heißt es eigentlich Schnapszahl, weil man mit Schnaps doppelt (dreifach etc.) sieht? Wär jetzt mal meine Theorie. Diese Zahlen zu berechnen und zu beachten - quasi als Meilensteine - ist übrigens das Einzige, was ich mir erlaube. Es gibt keinen Countup oder -down. Wenn ich darüber nachdenke, dass noch fast ein halbes Jahr vor mir liegt, kommt mir das nämlich manchmal schon sehr lang vor. Diesen Gedanken vermeide ich deshalb größtenteils (also ich lasse ihn zu, aber nicht dominant werden), denn er bringt mich nicht weiter. Ich bin, wo ich sein möchte, tue, was ich tun möchte und dazu gehört auch alles, was in meiner Zeit hier noch vor mir liegt. Und so lebe ich lieber jeden Tag für sich, ohne große Vor- oder Rückschau. Denn ich glaube, dass das ein Schlüssel zur Zufriedenheit ist: Dankbar für das, was ist und was man hat in der Gegenwart zu leben, mit dem Vertrauen, dass die Zukunft sicher in Gottes Hand liegt.
Seit 55 Tagen bin ich jetzt also in Kanada. Die Orte, an denen ich in dieser Zeit schon gelebt habe, kann ich zählen: Inklusive der 3 Nächte in Montréal sind es 8, gerade befinde ich mich bei der 7. Wwoof-Station (Big Hill Retreat), Nahe Baddeck, auf Cape Breton. Hier werde ich auch meinen 28. Geburtstag feiern. Bis Ende August erwarten mich noch 5 weitere Orte und Gastgeber in Nova Scotia, New Brunswick und Québec, bevor ich für den zweiten Teil meines Kanada-Aufenthaltes (Bible College) nach Alberta fliege. Die Menschen, die ich kennengelernt habe und die Erlebnisse, die ich hatte, kann ich hingegen nicht in Zahlen fassen. Einen Einblick bekommt ihr in meinen Posts, mehr habe ich in meinem Tagebuch festgehalten. Alles, was ich bisher erlebt habe, war bereichernd und lehrreich (auf unterschiedliche Art und Weise) und ich bin sehr dankbar, dass ich das erfahren darf. Mit manchen Lebensweisen und Menschen bin ich auf Anhieb kompatibel, bei anderen ist es herausfordernder. Manche Aufgaben fallen mir leichter und machen mir mehr Spaß, als andere. Lehrreicher ist wahrscheinlich Letzteres. So sehe ich all diese Erfahrungen auch als sehr wertvoll an - für das Leben allgemein und für's Berufsleben. Manchmal wird das, was ich gerade mache, ja als "Lücke im Lebenslauf" bezeichnet. Weil man weder eine offizielle Ausbildung macht, noch arbeitet (im Sinne von geregelter Tätigkeit mit monetärem Verdienst). Nach dieser Definition bin ich ja gerade einfach arbeitslos und reisend. So sehe ich es aber nicht (Überraschung ;) ). In der Zusammenarbeit und im Zusammenleben mit immer wieder neuen und unterschiedlichen Menschen ist Flexibilität gefragt, Anpassungsfähigkeit und gute Kommunikation. Alles gefragte Job-Skills und auch im Leben an sich recht nützlich ;) Zusätzlich verbessere ich meine Sprachkenntnisse, was ich unter dem Aspekt, dass ich in Zukunft gern mit ihnen arbeiten möchte, auch für äußerst sinnvoll und zielführend halte. Dazu gehören auch immer wieder Schritte aus meiner Komfortzone, die ich mir bewusst "auferlege". Weil ich Dinge erleben und dadurch Wachsen möchte. In der Komfortzone ist es zwar recht bequem, aber es passiert auch nicht so viel. Aktuell sind es für mich vor allem zwei Herausforderungen: Körperliche Arbeit und Zusammenwohnen.
Körperliche Arbeit war die eigentliche Herausforderung, der ich mich hier mit dem Wwoofen stellen wollte, denn ich habe in meinem Leben bisher noch nicht wirklich körperlich arbeiten müssen. Bisher ist die Bilanz positiv. Es gab schon Aufgaben, bei denen ich gern gesagt hätte "Äh, Moment mal, im Ernst? Das ist jetzt echt keine Aufgabe für mich, das ist zu schwer" (zum Beispiel Feuerholz spalten oder Baumstämme tragen). Und dann kann ich's doch, was eine gute Erfahrung ist. Ich lerne aber auch, mich nicht zu überschätzen (#Unfall). Die Gartenarbeit (inklusive Unkraut jäten) macht mir Spaß und vor allem an sonnigen Tagen freue ich mich draußen arbeiten zu können. Garten- und Feldarbeit finde ich "erdend" im wahrsten Sinne des Wortes und man kann dabei viel lernen. Man lernt noch einmal neu wertzuschätzen, wieviel Arbeit und Pflege in unserem Essen steckt, dass viele nur noch aus dem Supermarkt kennen. Tatsächlich fände ich es gut, wenn alle Bildungseinrichtungen ihre Schüler in Gärten bringen würden. Und ich weiß rückblickend auch meine Kindheit und die Art und Weise, wie wir aufgewachsen sind nochmal neu zu schätzen: in einem Haus mit großem Garten, wo wir viel draußen sein und mit Mama unser eigenes Gemüse anpflanzen und ernten konnten. Das wollte ich unter anderem auch für mich rausfinden: Ob ich einmal selber einen Garten haben möchte, mit allem, was das mit sich bringt. Es ist also "Back to the roots" im mehrfachen Sinne. Wörtlich geht's beim Jäten an die Wurzeln und übertragen zurück in die Kindheit und noch weiter zurück, waren doch meine Großeltern mütterlicherseits und deren Familien bis in die 70er Jahre Bauern am Niederrhein.
Heute ist mir dann nochmal bewusst geworden, dass es auch diese zweite Herausforderung gibt: Zusammenleben. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es schon seltsam für mich eine Form der Reise gewählt zu haben, bei der ich ständig mit anderen Menschen zusammenlebe. Neben der Idee, durch's Wwoofen Garten- und Farmarbeit kennenzulernen, stand dabei vor allem im Vordergrund, dass ich so ohne große Kosten reisen kann, weil ich ja Unterkunft und Verpflegung als Gegenleistung für meine Mithilfe gestellt bekomme. Über die Nebenaspekte habe ich mir ehrlich gesagt gar keine Gedanken gemacht. Was wohl auch besser so ist, denn sonst wäre ich vielleicht mit einem anderen Gefühl reingestartet oder hätte mich sogar dagegen entschieden. Insgesamt hatte ich bei den 8 Stationen bisher 25 MitbewohnerInnen, davon 23 permanent (2 Besucher an zwei Orten). Für jemand, die 3 Jahre lang allein gewohnt, das genossen und dem auch bewusst den Vorzug vor einer WG gegeben hat, ist das wohl nicht das Naheliegendste. Von heute auf morgen ist man für begrenzte Zeit Teil einer Familie, deren Mitglieder nur einen Tag vorher noch Fremde waren, die man über ein Online-Portal gefunden und kontaktiert hat. Und es klappt erstaunlich gut. Ich wurde überall mit großer Gastfreundschaft aufgenommen und habe mich sofort zuhause gefühlt. Und über mehr denke ich auch gar nicht nach. Wichtiger Faktor dabei, dass ich mich wohl fühle, ist auch, dass ich immer einen Rückzugsraum (eigenes Zimmer) und genug Zeit für mich habe. Teilweise war ich sogar kurzzeitig ganz allein, was ich dann besonders als Auszeit zum Auftanken genutzt habe. Denn als Introvertierte tanke ich im Alleinsein auf. Dann kann ich auch das Zusammensein genießen und es ist spannend, die Menschen näher kennenzulernen. Es gab auch schon Momente, wo ich z.B. bei Veranstaltungen keine Lust mehr auf neue Bekanntschaften und Small Talk hatte, aber ich denke, auch das ist bei dem Hintergrund akzeptabel, Man hat eben solche und solche Tage und das ist in Ordnung.
In der Zeit bisher habe ich an 8 Sonntagen auch schon 6 verschiedene Gemeinden kennengelernt (an einem Sonntag war ich nicht im Gottesdienst und in Bonshaw an zwei Sonntagen). Dreimal Baptisten (Atlantic Community Church Apohaqui, Bonshaw Baptist Church, Kingsboro Baptist Church), einmal Church of Christ (West Gore), einmal Katholiken (St. Mary's Parish Mabou), einmal Gospel Hall (Baddeck). Auch das ist spannend, zu sehen, wie Leben und Gottesdienst in den verschiedenen Gemeinden aussehen. Mit einer Ausnahme (Mabou) wurde ich direkt angesprochen, sehr nett willkommen geheißen und habe mich dadurch sofort wohl gefühlt. Nach dem Gottesdienst haben sich dann auch immer noch Gespräche ergeben. Ich glaube, gerade im Umgang mit Neuen zeigt sich viel vom Herz einer Gemeinde. Auch heute durfte ich das wieder erleben und habe letztendlich den ganzen "Vor"-Mittag in der Gemeinde verbracht, inklusive gemeinsamem Mittagessen und Chaffeur-Service nach Hause. Mein eigentliches Highlight dabei war aber, dass ich endlich für eine Kanadierin gehalten wurde. "You are from Germany, but where were you born? You have no accent at all, I can't believe you're German" (Zitat sinngemäß, nicht wörtlich). Bisher wurde mir noch ein "tiny German accent" attestiert, was mich doch ein wenig wurmte. Jetzt gehe ich also auch sprachlich ganz als Kanadierin durch. Yes! :)
Insgesamt bin ich bisher mehr als zufrieden mit meiner Reise. Es ist alles, was ich erwartet habe und mehr. Und ich kann nur Staunen, was Gott alles für mich vorbereitet hat, wie ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin, die richtigen Menschen treffe und viel über Ihn, mich und andere lernen darf.
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